Dicke Luft

Mutter Birgit schreibt...

 

Konflikte und Auseinandersetzungen...

 

Ein Thema, das uns heute Vormittag beim Mutterschaf(f)ts-Frühstück beschäftigte... und wie ich auch beim Schreiben gerade bemerke, ein "abendfüllendes" Thema ist!

 

Die erste Erkenntnis:

Ich kann Beziehung nicht ohne Konflikte haben! Konflikte und Auseinandersetzungen sind TEIL einer Beziehung, sie sind notwendig, um eine Beziehung überhaupt leben zu können!

 

Was ich aber immer wieder (auch an mir selbst) beobachte ist, dass Konflikte weh tun und deshalb unerwünscht sind. Oft redet man aneinander vorbei, beharrt auf seiner Meinung, geht nicht wirklich auf den anderen ein und meint auch zu wissen, dass das Gegenüber das alles "absichtlich" und "gegen" einen selbst tut - "z'fleiß", sozusagen. Wenn ich aber, wie in einem vergangenen Blog, wieder auf das humanistische Weltbild verweisen darf, dann gibt es hier dieses 'zfleiß' nicht. Und das prüfe bitte jede selbst nach, ob das stimmen könnte.

 

Die zweite Erkenntnis:

JEDER Mensch agiert nur FÜR SICH SELBST, aber NIE von Grund auf GEGEN JEMAND ANDEREN!

 

ACHTUNG: Für die Überprüfung, ob das stimmen könnte, ist aber bereits ein gewisser Vertrauensvorschuss notwendig. Das heißt, ich nehme ZUERST einmal an, dass mein Gegenüber - sei es nun mein Kind, mein Partner oder irgendjemand anderer - mich NICHT kränken, verletzen, ärgern, demütigen, klein halten, etc wollte, sondern einen Grund hat, warum es so handelt, und dass dieser Grund ihm selbst dient. Und DANN überprüfe ich, ob es stimmen kann.

 

Wenn also nicht absichtlich gegen mich gehandelt wurde, könnte ich mich ja kurz einmal - als objektiver Beobachter sozusagen - an ihn wenden, ihm schildern, was ich gerade beobachtet habe (und zwar rein die äußerlichen Beobachtungen OHNE jegliche Interpretation!), und ihn fragen, worum es ihm dabei geht, wieso er so gehandelt hat?! Das geht sogar schon bei kleineren Kindern, hier ist es aber besonders notwendig, dass frau versucht, das Bedürfnis dahinter zu deuten und mitzuteilen. Das tut übrigens JEDEM gut, denn auch wir Erwachsene sind uns manchmal selbst nicht so im Klaren, WARUM wir so handeln, wie wir handeln. Und da ist es sehr hilfreich, wenn unser Gegenüber zumindest einen Versuch wagt, mich verstehen zu wollen. Selbst, wenn ich nicht genau errate, worum es dem anderen dabei geht - es ist eine klare Ansage: Ja, ich möchte wirklich verstehen, was du brauchst!

 

Die dritte Erkenntnis:

Ich stelle mich bewusst in das "Haus" des anderen!

Ich versuche zu erfühlen, was bei ihm los ist.

 

FOLGE: Der andere FÜHLT sich verstanden! Oder kann dann ganz klar sagen, Nein, darum gehts nicht, es ist vielmehr so und so... Und es findet ein echter Austausch statt, das Gegenüber öffnet sich, und dies wirkt absolut DE-ESKALIEREND, das heißt, der Konflikt wird gemildert.

 

Und dennoch kann ich unabhängig davon eine andere Meinung, ein anderes Empfinden haben und eine andere Entscheidung treffen! Ich muss es niemanden recht machen, ich muss aber auch niemanden zurecht weisen, sprich ihm SEINE Wahrnehmungen und Gefühle absprechen.

 

Die vierte Erkenntnis:

Meine Entscheidung hat nichts mit dem Wunsch des anderen zu tun!

 

Das heißt, ich spreche ihm diesen Wunsch nicht ab, ich anerkenne, dass er diesen Wunsch hat, auch wenn ich ihn nicht erfüllen kann, auch wenn ich anderer Meinung bin.

 

Zur Veranschaulichung hier, wie ein Konflikt "gesund" ablaufen sollte, dh ohne irgendwelche "Schäden" zu hinterlassen oder einen chronischen Konflikt daraus entstehen zu lassen, der bei jeder Gelegenheit wieder entflammt:

 

Beispiel Mama und Kind:

  1. Wunsch: Kind hat einen Wunsch, zB möchte, dass der Freund bei ihm übernachtet.
  2. Nein: Mama sagt: Nein, ich möchte das (heute) nicht, weil sie ihre berechtigten Gründe hat.
  3. Kampf: Kind beginnt zu kämpfen, dh will seinen Wunsch durchsetzen.
  4. Mama bleibt bei ihrem Nein, denn das ist ihre Entscheidung zum Wohle der ganzen Familie, die sie unabhängig vom Wunsch des Kindes trifft bzw treffen muss.
  5. Trauer: Kind beginnt zu weinen oder rennt beleidigt davon.
  6. Versöhnung: Kind kommt meist zurück, als wäre nichts gewesen, Mama und Kind gehen liebevoll miteinander um.

 

Warum verlaufen aber viele Konflikte NICHT gesund?!

 

Ausgehend vom vorigen Beispiel (und das ist sicherlich nicht vollständig und psychologisch wahrscheinlich etwas dürftig, frau verzeihe mir):

  1. Mama ist nicht klar in ihrer Entscheidung. Sie sagt zwar Nein, ist innerlich aber unsicher; zB sie sollte nicht so streng sein, das Kind hat an dem Tag eh schon so viele Neins gehört, ein Nein ist generell etwas sehr Negatives, oder ähnliches.
    FOLGE: Das Kind wird sehr stark kämpfen, und es wird vielleicht ein wiederkehrendes Thema, dh diesen Kampf gibt es immer wieder mal.
  2. Mama beginnt zu schimpfen, dass sich das (Kämpfen) nicht gehört, dass sich das Kind nicht so aufführen soll wegen "so einer Kleinigkeit", etc, etc. -
    FOLGE: Kind fühlt sich verletzt und unverstanden und wird in weiteren Konflikten allein deshalb schon wütend. ODER
  3. Mama gibt nach, weil sie denkt, na wenn es dem Kind SO wichtig ist..., ist aber gleichzeitig darüber genervt, weil sie eigentlich anders entscheiden wollte.
    FOLGE: Grant bei der Mama kommt auf, Kind lernt auf Dauer, dass es mit Kämpfen bekommt, was es will.
  4. Bisher verlief alles "gesund", aber sobald das Kind zu weinen beginnt, reicht es der Mama: "Jetzt brauchst du nicht auch noch zu weinen beginnen, Heulsuse", oder was auch immer. Diese Phase ist jedoch für Kinder extrem wichtig - und würde uns Erwachsenen auch gut tun, manche können es nur leider nicht zulassen: Die Tränen sind nämlich eine sehr geniale Reaktion des Körpers, um das gesamte System wieder in Balance, ins Gleichgewicht zu bringen!
    FOLGE: Das Gleichgewicht kann, so folge ich daraus, NICHT optimal wieder hergestellt werden, Kind fühlt sich in seinen Gefühlen nicht ernst genommen. ODER
  5. Mama wird bei Tränen immer weich
    FOLGE: Kind lernt, dass man mit Tränen erreicht, was man möchte und wird vielleicht die nächsten Male sofort zu weinen beginnen. Und ich glaube, auch hier wächst ein leichter Unmut bei der Mama, weil sie auch nicht authentisch gehandelt hat, was dann wiederum dazu führen kann, dass der Konflikt eigentlich gar nicht gelöst wurde, sondern sich irgendwie auf eine "andere Ebene" verzogen hat und immer wieder über den Tag verteilt ausbricht, bis aus dem leichten Unmut eventuell ein großer Tobsuchtsausbruch geworden ist...
  6. Es wird nach einem 'ungesunden' Konflikt sofort wieder zur Tagesordnung übergegangen, dh der Zorn ist nicht verraucht, es gab gar keine Versöhnung oder eine halbherzige, nur damit der Frieden wieder (oberflächlich) hergestellt ist. Jedoch ist - gerade, wenn es sehr "heiß" herging - ein Bruch zwischen den beiden passiert. Und den sollte man nicht einfach übergehen, sondern versuchen, zu reparieren (zB indem man das Kind fragt, ob es sich sehr erschreckt hat, als man es angeschrien hat)

Die fünfte Erkenntnis:

Konflikte halten einen (versteckten) Schatz für uns bereit!

 

Was meine ich damit?! Wenn ich das nächste Mal mit meinem Partner, meinem Kind einen Konflikt habe, FREUE ich mich darüber. Denn wenn es mir doch einmal gelingt, nicht gleich in Rage zu kommen und damit in die Trennung zu gehen, wenn es mir gelingt, in das "Körperhaus" des anderen zu steigen und seine Bedürfnisse zu erspüren, dann kann etwas ganz Wunderbares passieren, nämlich VERBINDUNG. Mitgefühl. Liebe.

 

One Love ;)

 

P.S.: Ich würde mich sehr über einen Erfahrungsaustausch freuen! Immer wieder mal gelingt es schon, dass ich diese positive Erfahrung mache. Und manchmal auch wieder gar nicht, aber ich höre auf, so streng mit mir zu sein ;) Denn was unsere Kinder wirklich brauchen, sind authentische Mütter (und Väter natürlich genauso), die echte Gefühle haben, nicht "pädagogisch wertvolle" Eltern.

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